Politik und Schlager

Als ich mein Anti-AfD-Album “Album für Deutschland” aufgenommen habe, war es mir besonders wichtig, auch einen Schlager unterzubringen. Das tat ich mit dem Song “Lüge mit System”. Denn während in der Rockmusik, dem Rap, Hip Hop und Pop immer wieder auch politische Themen in den Texten aufgegriffen werden, findet Politik im deutschen Schlager quasi nicht statt. Schlager und Politik passen nicht zusammen.

Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, ob das etwas ist, was ich dem Schlager ankreiden soll. Aber ich kam zur Erkenntnis, dass man das nicht vom Schlager einfordern sollte – zumindest nicht von den Songs.

Heile Welt Schlager

Das Hauptthema in Schlagertexten: Liebe. Dann kommt Liebe, wieder Liebe, etwas Herzschmerz und Romantik. Das war es eigentlich im Großen und Ganzen. Rosamunde Pilcher als Musik quasi.

Wer einmal Sendungen wie den ZDF Fernsehgarten, sämtliche Sendungen mit Florian Silbereisen, die Helene Fischer Show oder die Giovanni Zarrella Show gesehen hat, weiß, dass gute Laune das Programm ist. Sofern man die Musik mag. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Während einer solchen Sendung kann man mal alle Sorgen vergessen. Ob man im Publikum sitzt oder vor dem Fernseher.

Das finde ich eigentlich gut. Man kann mal abschalten und muss sich nicht immer mit ernsten Themen befassen, auch wenn in manchen Schlagersendungen dann doch mal ein kurzer Spendenaufruf für irgendein Hilfsprojekt stattfindet. Aber Schlager und Politik? Das ist in der Regel tabu.

Schlager und Politik mit Ausnahmen

Ein paar wenige Künstler*innen gibt es, die sich aber positionieren. Roland Kaiser spricht sich immer wieder klar gegen Rechtsextremismus aus, kritisiert die Pegida-Bewegung und die AfD. Und auch eine Kerstin Ott, die ganz offen in ihren Texten mit ihrer Homosexualität umgeht und die Vielfalt besingt. Aber das sind schon sehr seltene Einzelfälle.

Roland Kaiser bekam immer wieder viele Buh-Rufe bei seinen Veranstaltungen für seine Äußerungen. Ich lehne mich vielleicht etwas weit aus dem Fenster, wage aber zu behaupten, dass sich unter Schlagerfans prozentual deutlich mehr nach rechts verschobenes Gedankengut befindet als bei anderen Genres. Ausgenommen gezielt rechte Musik. Eine von Focus in Auftrag gegebene Umfrage untermauert meine These1. AfD-Wähler hören also bevorzugt Schlagermusik.

Risiko: Haltung

Daher würde eine Helene Fischer sicher deutlich an Beliebtheit verlieren (zumindest unter ihren Fans), stellte sie sich auf eine Bühne und würde eine klare Haltung deutlich machen. Sicherlich würde sie aber auch viel Anerkennung von Leuten bekommen, die sich nicht so für ihre Musik interessieren. Aber die würden deswegen ja nicht ihre neue CD kaufen oder auf ihr Konzert gehen.

Um beim Beispiel Helene Fischer zu bleiben: 2018 wagte sie doch einmal den Schritt und sprach sich auf der Bühne der Mercedes-Benz Arena in Berlin gegen Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aus. Das Publikum reagierte eher verhalten2. Bei Künstler*innen anderer Genres hätte das sicherlich zu unaufhörlichen “Nazis raus”-Rufen seitens des Publikums geführt.

Für Schlagersänger*innen ist ein politisches Statement mit Sicherheit am riskantesten. Sie würden die heile Welt zerstören und liefen nicht nur Gefahr, große Teile ihrer Fans zu verlieren, sondern würden nicht mehr zu den diversen Schlagersendungen eingeladen werden. Es ist also letztlich ein finanzielles Risiko.

Helene Fischer hat ihr Statement beim Konzert und auf ihren Sozialen Kanälen nicht geschadet. Sicherlich haben sich einige von ihr abgewandt, aber das hielt sich wohl in Grenzen. Jedoch war es ihrerseits eine ziemlich einmalige Sache.

Helene Fischer äußert sich auf Instagram und Facebook zu Chemnitz #wirsindmehr

Trennung von Musik und Künstler – von Politik und Schlager

Bisher war es selten ein Problem, die Musik vom Künstler zu trennen. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, die Songs von Michael Jackson aus ihren Playlists verbannt haben, obwohl die Vorwürfe des Kindesmissbrauch gegen Jackson erdrückend sind. Das ist jetzt ein extremes Beispiel.

Vielen Künstler*innen verzeiht man Eskapaden und Straftaten, weil sie tolle Musiker*innen oder Schauspieler*innen sind. Doch das wandelt sich immer mehr, wie z.B. die MeToo-Bewegung zeigte.

Und auch beim Thema Rassismus fällt es immer schwerer, nicht Stellung zu beziehen. Nach Halle und Hanau und vielen weiteren rassistisch motivierten Taten, kann man dazu nicht mehr nichts sagen. Ein Schweigen dazu kann so laut werden, dass es auch schon als Statement zu verstehen ist.

Sollten Politik und Schlager sich weiterhin ausschließen?

Um ein persönliches Fazit aus der Überlegung, ob Schlager und Politik miteinander vereinbar sind: Wenn Künstler einfach nur Musik machen wollen, auf der Bühne Spaß haben wollen und ihr Publikum unterhalten wollen, ist das vollkommen okay. Politische Ansichten sind letztlich Privatsache. Und wenn Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ihr Privatleben abschotten wollen, ist das zu respektieren.

Aber natürlich steigt mein Respekt für eine Person, wenn sie den Mut aufbringt und sich durch ein politisches Statement gegen Rechts positioniert und damit viel riskiert. Künstler*innen mit einer so großen Reichweite haben die Möglichkeit, etwas zu bewirken. Ein Statement ihrerseits kann viele Menschen dazu bringen, über Dinge nachzudenken und die eigene Haltung zu hinterfragen.

Das ist die Krux bei der Sache. Ich finde es schade, wenn die Reichweite nicht auch für so etwas genutzt wird. Aber ich würde das niemandem zum Vorwurf machen. Aber meine Hoffnung, dass sich die Schlagerwelt hier weniger einmauert, bleibt bestehen.

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